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Kerstin Groeper

Im Eissturm der Amsel

16,90

Der bisher letzte Historische Roman von Kerstin Groeper handelt dieses Mal am Oberen Missouri um 1810. (Klappenbroschur)

Lieferbar
Im Eissturm der Amsel

Pierre DuMont ist ein junger Abenteurer, der um 1809 am Yellowstone unterwegs ist, um als Voyageur sein Glück zu machen. Doch nicht nur die Wildnis ist ein unbarmherziger Gegner, sondern vor allen Dingen feindliche Indianerstämme machen ihm und seinen Freunden das Leben schwer. Er heiratet die Mandan-Indianerin Mato-wea, um eine Lebensversicherung in der Wildnis zu haben. Es ist eine Zweckehe auf Zeit, denn selbstverständlich möchte er bei seiner Rückkehr nach St. Louis eine ehrbare weiße Frau heiraten. Als die kleine Claire geboren wird, kommen ihm Zweifel an seiner reichlich pragmatischen Einstellung, denn er muss zugeben, dass ihm weit mehr an Mato-wea und der kleinen Tochter liegt, als er vorgesehen hatte. Als Blackfeet den Posten überfallen, gerät sein Leben außer Kontrolle.

Eine spannende Geschichte aus der Zeit des Pelzhandels am Oberen Missouri – erzählt aus drei Blickwinkeln: dem französischen Trapper Pierre DuMont, seiner indianischen Frau Mato-wea und Wambli-luta – einem selbstbewussten und gefährlichen Lakota-Krieger. Auch Wambli-luta und Mato-wea verbindet das Schicksal, denn bei einem Angriff auf das Dorf der Mandan hatte er ihr Leben verschont und glaubt seitdem an eine Fügung der Geister. Die Lebenspfade der drei Personen verknüpfen sich auf abenteuerliche Weise.

Rezension im Magazin für Amerikanistik 2/2020

Der amerikanische Pelzhandel war das erste Multimilliarden-Dollargeschäft in Nordamerika. Die großen Kolonialmächte – England, Frankreich, Spanien – kämpften um ihre Anteile auf diesem ertragreichen Markt. Und die Indianerstämme zogen in der frühen Zeit, im 18. und zu Beginn des 19.  Jahrhunderts, erhebliche Vorteile aus diesem Handel, da er sie mit den begehrten Waren des weißen  Mannes – Feuerwaffen, Metallwerkzeugen, Kesseln, Stoffen, Decken und Alkohol versorgte. So begann es im Waldland des amerikanischen Ostens und setzte sich in den Fernen Westen fort. Besonders die Lewis-&-Clark-Expedition fungierte als eine Art „Türöffner“ für die global arbeitenden Pelzkompanien. Johann Jacob Astor war der erste, der eine Handelsgesellschaft bis zum  Pacific schickte. Manuel Lisa, William Henry Ashley und  andere fuhren den Missouri aufwärts, um Handelsposten einzurichten und Kontakte zu den Indianerstämmen zu knüpfen, die bis dahin nur mit den von Kanada aus agierenden Engländern, etwa der „Hudson’s Bay Company“, Geschäfte gemacht hatten. Aber es gab in dieser frühen Zeit auch viele unabhängige Trapper und Mountain Men, so wie Pierre DuMont, einen jungen Abenteurer, der um 1809  am Yellowstone unterwegs war. Er steht im Mittelpunkt dieser großangelegten Erzählung von Kerstin Groeper. DuMont heiratete die Mandan-Frau Mato-wea. Viele Trapper und Pelzhändler heirateten indianische Frauen, weil sie damit automatisch Mitglieder der Stämme ihrer Frauen wurden und  gegebenenfalls Schutz fanden. Für die Frauen in den Indianervölkern bedeutete die Ehe mit einem weißen Mann eine soziale Aufwertung, für den Trapper war sie eine Lebensversicherung.  Manche dieser Männer hatten noch  eine „weiße Familie“ außer- halb der Wildnis. Aber viele liebten ihre indianischen Frauen und Kinder. Es waren nicht nur pragmatische, rationale Verbindungen. Noch heute findet man in den nordwestlichen Reservationen Nachkommen von solchen Ehen; bei den Blackfoot etwa die Familie Kipp, bei den Lakota auf Pine Ridge die Bordeauxs – Nachfahren des zeitweiligen Chefs von Fort Laramie.

Als DuMonts Tochter bei den Mandan geboren wird, kommen ihm erste Zweifel an seiner Einstellung. Er muss zugeben, dass seine Gefühle für Mato-wea viel  tiefer  sind,  als  er zunächst geglaubt  hat. Als  Blackfeet den Handelsposten überfallen, gerät sein Leben außer Kontrolle. Den Leser erwartet eine Geschichte von atemloser Dramatik und emotionaler Größe. Eine Geschichte von Tragik und Glück und  trotz einer teilweise  unbarmherzigen  Umwelt  von  warmer, tiefer  Menschlichkeit.

Das alles ist verwoben mit der frühen Ära des Pelzhandels, der eine eigene Welt schuf, die den Beteiligten – den Indianervölkern ebenso wie den Händlern und Jägern mit multinationalem Hintergrund – eine strukturelle Stabilität gab. Bei aller Härte dieses Handels und der Lebensbedingungen, herrschten Spielregeln gegenseitigen Respekts, weil man sich gegenseitig brauchte. Diese Welt brach mit dem aggressiven Vordringen landhungriger Siedler und gold- und silbergieriger Prospektoren in sich zusammen. Ein sehr lesenswertes Buch.

Dietmar Kuegler

 

Rezension im Amerindian Research Band 15/2 (2020)

 "Die Handlung ist frei erfunden, basiert jedoch auf historisch belegten Ereignissen" betont die Autorin. Ihr Nachwort hätte es verdient gehabt, als Vorwort die Leser auf die Schwierigkeit einzustimmen, aus der Geschichte bekannte Personen in die Berichte fiktiver dramatischer Ereignisse korrekt einzubinden. In großer Detailfülle reflektieren sie das Leben verschiedener Ureinwohnergruppen des Louisiana Territory von 1809-1814 zwischen den Flüssen Missouri und Yellowstone und den Rocky Mountains aus deren Perspektive. Der Roman-Titel bezieht sich auf ein dort zu ertragendes Naturphänomen des Spätwinters, dem man sich in der Region ausgesetzt finden kann und das in aller Eindringlichkeit beschrieben wird. Darunter werden aber auch symbolisch die gesamten kriegerischen Auseinandersetzungen verstanden, in welche die Protagonisten der Geschichte eingebunden sind: Mitglieder der Fell-Kompanien und Trapper, die jeweils von den USA im Osten und der Kolonialmacht der Engländer im nördlich davon sich erstreckenden Kanada zu ihren Aktivitäten in den Territorien der verschiedenen Stämme der Ureinwohner getrieben werden, und den Letzteren, die in kriegerischen Auseinandersetzungen versuchen, an den Gewinnen des Pelzhandels einen entsprechenden Anteil zu erlangen. Sind sie doch diejenigen, die ihre Zeit und Kraft für einen Großteil der erjagten und aufbereiteten Felle eingesetzt haben. Die "Geschenke" der Europäer – Pferde und Feuerwaffen – haben ihre Lebensweise bereits stark verändert und stimulieren die kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie führen zu Missverständnissen, auch vor allem wegen der fehlenden sprachlichen Verständigung der indigenen Völker ursprünglich unterschiedlicher Lebensweise und Kultur und verschiedener Sprachen oder sogar Sprachfamilien. All dies führt zu dramatischen Folgen für das persönliche Schicksal Einzelner, deren Leben und Leiden in dem dargestellten Zeitraum von der Autorin sehr gut vermittelt wird. Ihr gelingt es, die Ereignisse weitgehend aus der Weltsicht der unterschiedlichen Protagonisten des konkreten Geschehens heraus zu reflektieren. Ihr gelingt es zudem, das tägliche Leben, die Arbeitsprozesse wie rituellen Feste, die Mythen und Märchen so in ihre Darstellung einfließen zu lassen, dass einem die Widersprüchlichkeit der aufeinander prallenden Vorstellungen über die kriegerischen Auseinandersetzungen deutlich wird. Ein besonderes Thema ist das Schicksal von Frauen und Kindern, welche diesem Existenzkampf ebenso wie einzelne Protagonisten der kämpfenden indigenen Männer, aber auch der vordringenden Mächte ausgeliefert sind. Es kündigt sich an, dass diese Auseinandersetzungen zugunsten der fernen Mächte und deren Vorboten sowie schließlich der Veränderungen wegen der vorrückenden Siedler entschieden werden. So wird in eindrucksvoller Weise der Widerstandskampf der einander bekriegenden verschiedenen Ureinwohnergruppen an Einzelschicksalen beleuchtet, die beispielhaft die Tendenzen der historischen Entwicklung aufzeigen: das Leben vieler wird durch den "Eissturm" ausgelöscht.

Die Autorin versteht es, die Lebensweise der Ureinwohner dieser Region Nordamerikas in einem historisch wichtigen Abschnitt so zu reflektieren, dass die Leser an deren Schicksal emotionalen Anteil nehmen, zudem aber viel über die damaligen Kulturen erfahren können. Das Buch ist deshalb zur Lektüre sehr zu empfehlen.

Pierre DuMont lag in seinem Versteck zwischen den tiefhängenden Ästen einer Fichte und beobachtete die beiden Indianer, die ganz in seiner Nähe vorbeischlichen. Er sah schwarz und rot bemalte Gesichter, Hauben mit hoch aufgerichteten Adlerfedern und nach unten hängenden Hermelinstreifen, hemdenähnliche einfache Gewänder mit langen Fransen und griffbereite Waffen. Sie hatten ihre Bisonroben abgelegt, um für den Kampf beweglicher zu sein. Pekuni! Er wusste, dass sie – verteufelt noch mal – etwas gegen seine Anwesenheit hier hatten. Die Pekuni waren erbitterte Feinde der Trapper oder auch Waldläufer, die es wagten, den Missouri entlang in ihre Jagdgründe vorzustoßen. Pierre zog ein Tuch vor seinem Mund, damit die Rothäute nicht seine Atemwölkchen sahen, die in der klirrenden Kälte von seiner Nase aufstiegen. Zur Sicherheit nahm er Schnee in den Mund, um den Atem zu kühlen. In den Händen hielt er sein Gewehr. Es war geladen und der Hahn gespannt. Aber Pierre wusste, dass allein das Klicken, wenn er das Gewehr entsicherte, in der Wildnis weit zu hören sein würde. Obwohl die Kälte langsam in seine Glieder kroch, sammelte sich auf seiner Stirn der Schweiß. Mit einer langsamen Bewegung schob er die Biberfellmütze etwas nach oben und wischte sich die Stirn trocken. Er konnte unmöglich einen genauen Schuss abfeuern, wenn ihm der Schweiß in die Augen lief. Sein braunes lockiges Haar klebte am Haaransatz und juckte unangenehm. Eine Schweißperle lief an der Nase entlang und sammelte sich an seinem gestutzten Oberlippenbart. Mit seiner Zunge leckte er sie weg, mehr Bewegung wagte er nicht. Die beiden Indianer unterhielten sich leise in ihrer Sprache und folgten einem Pfad zum Ufer des schmalen Baches.

Pierre atmete tief durch. Dort hatte er noch keine Spuren hinterlassen! Er war über den Hügel gekommen und hatte den Bach, eigentlich ein kleiner Nebenarm des breiten Yellowstone-Flusses, noch nicht erreicht. Das war vielleicht sein Glück, denn im Schnee konnte man seine Spuren nicht verwischen. Unter der Fichte lag kaum Schnee, sodass die ledernen Leggins und der warme Mantel aus dem Wollstoff der Hudson‘s Bay Company ihn etwas vor dem Frost schützten, der vom Boden aufstieg. Der Mantel war weiß und hatte im unteren Bereich und an den Ärmeln einen breiten roten Streifen. Er hatte ihn von einem französischen Trapper eingetauscht, der sonst weiter im Norden Handel mit den Assiniboine trieb. Im Moment wurden der untere Streifen verdeckt, weil er auf ihm lag, aber die Ärmel hätten ihn verraten können. Er hielt die Arme tief und hoffte, dass die Inyuns das Rot nicht sahen. Mit seinen dunkelbraunen Augen beobachtete er die Indianer, dabei flogen seine Gedanken. Als fast mittelloser Sohn eines französischen Farmers in St. Louis hatte er mit sechzehn die Chance ergriffen, sich einer Brigade Trapper anzuschließen. Anfangs war ihm alles wie ein großes Abenteuer erschienen, doch das Leben hatte ihm gezeigt, dass das Fallenstellen seine Tücken hatte: Indianer und unberechenbare Wildnis. Inzwischen war er vierundzwanzig, und irgendwie hatte er noch immer keine Reichtümer ansammeln können. Er war ein Voyageur, ein Angestellter, der vertragsmäßig für einen Pelzhandelsposten arbeitete. Dieses Mal war er von Manuel Lisa, einem spanischen Bourgeois, wie die Bosse genannt wurden, angeheuert worden, der den Pelzhandel am Oberen Missouri etablieren wollte. Lisa finanzierte das Unternehmen und hatte Voyageure, Führer, aber auch erfahrene Soldaten angeworben, um in der Wildnis Handelsposten zu errichten. Der Pelzhandel brachte viel ein! Pierre schickte das meiste Geld seinen Eltern, die inzwischen außerhalb von St. Louis eine größere Farm bewirtschafteten, die er mal übernehmen sollte. Im Moment hoffte er nur, dass er hier lebend wieder rauskam. Vielleicht hätte er doch auf seine Mutter hören sollen, die ihn gebeten hatte, endlich sesshaft zu werden.

Die Stimmen kamen wieder näher, und Pierre wusste, dass er dem Kampf nicht ausweichen konnte. Mit seiner Hand tastete er an die Seite seines Gürtels und zog das Beil hervor. Er hatte vielleicht noch den Vorteil der Überraschung! Er legte das Beil griffbereit und schob vorsichtig das Gewehr an seine Schulter. Wenn er mit dem ersten Schuss traf, hätte er gegen den zweiten Mann eine Chance. Zum Laden der Pistole blieb keine Zeit mehr. Jede weitere Bewegung, jedes Klicken würde ihn nur verraten. Merde! Wo kamen die beiden überhaupt her? Waren vielleicht noch mehr Rothäute in der Umgebung? Dann stand es schlecht um ihn. Die Pekuni waren nicht zimperlich, wenn sie einen weißen Trapper erwischten. Oft genug wurde aus den armen Kerlen Wolfsfutter gemacht. Pierre knirschte mit den Zähnen, als er kurz die Lage einschätzte. War das Pulver trocken? Würde das Gewehr schießen? Bisher hatte er sich auf seine „Dicky“, wie er seine Dickert Rifle liebevoll nannte, verlassen können. Es regnete nicht, und es blies auch kein heftiger Wind, der den Schuss hätte beeinflussen können. Die Waffe war in gutem Zustand. Er brauchte nur ein wenig Glück!

Kerstin Groeper

Kerstin Groeper als Tochter des Schriftstellers Klaus Gröper in Berlin geboren, verbrachte einen Teil ihres Lebens in Kanada. In Kontakt mit nordamerikanischen Indianern entdeckte sie ihre Liebe zur indianischen Geschichte, Kultur und Sprache. Sie lernte Lakota, die Sprache der Teton-Sioux und ist aktives Mitglied einer Vereinigung, die sich der Unterstützung zum Fortbestehen der Sprache und Kultur der Teton-Sioux widmet und Mitarbeiterin beim Aufbau der Lakota Village Circle School auf der Pine Ridge Reservation in South Dakota. In Deutschland führt sie regelmäßig Referate und Seminare über die Sprache, Kultur und Spiritualität der Lakota-Indianer durch. Kerstin Groeper arbeitete als Autorin für Omni und Penthouse und schreibt heute Artikel zum Thema Indianer u.a. für das renommierte Magazin für Amerikanistik. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der Nähe von München.

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