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Jessica McDiarmid

Highway der Tränen

19,80

ENDLICH erschienen: Die dramatische Dokumentation über verschwundene und ermordete indigene Frauen in Kanada. 

Lieferbar
Highway der Tränen

Jahrzehntelang sind indigene Frauen und Mädchen an der abgelegenen Strecke eines Highways im Nordwesten von British Columbia verschwunden oder ermordet aufgefunden worden. Dieser Korridor ist bekannt als der „Highway der Tränen“ - und wurde inzwischen das Symbol für eine nationale Krise.

Die Journalistin Jessica McDiarmid untersucht in ihrem Buch akribisch die verheerenden Auswirkungen, die diese Tragödien auf die Familien der Opfer und ihre Gemeinschaft haben. Sie zeigt auf, wie systemischer Rassismus und Gleichgültigkeit ein Klima geschaffen haben, durch das indigene Frauen und Mädchen verstärkt polizeilichen Repressalien ausgesetzt sind und gleichzeitig durch die gleichen Behörden keinen Schutz erfahren. McDiarmid hat dabei jene Angehörigen interviewt, die den Opfern am nächsten stehen – Mütter und Väter, Geschwister und Freunde- und liefert damit einen intimen Bericht aus erster Hand über deren Verlust und ihren unermüdlichen Kampf nach Gerechtigkeit. Sie untersucht die historisch gewachsenen sozialen und kulturellen Spannungen zwischen den Siedlern und indigenen Völkern in der Region und verknüpft diese Fälle mit weiteren, die in ganz Kanada geschehen sind – aktuelle Schätzungen gehen von rund 4000 vermissten oder ermordeten indigenen Frauen und Mädchen aus – und stellt sie damit in den Kontext einer breiten Untersuchung über die Geringschätzung von Indigenen in Kanada.

 

„Highway of Tears“ ist eine schonungslose Analyse des Versagens der Gesellschaft und eine Würdigung des ungebrochenen Bemühens der Familien und Gemeinschaften, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

„Diese Mordfälle veranschaulichen das ganze Ausmaß eines systemischen Problems: Indem McDiarmid jeden Mordfall im Kontext von indigener Identität und den besonderen Härten vor Ort untersucht, behandelt sie genau diese Probleme und verdeutlicht die Notwendigkeit, die tieferen Ursachen jeder einzelnen Gewalttat zu erforschen.“ The New York Times, Rezension

Matilda Wilson stand auf einer Schotterstraße. Ein paar Dutzend Menschen bildeten an diesem Junitag 2012 einen Kreis um sie, während die Sonne hoch am Himmel stand. Die Menge hatte die Plakate, die sie ein paar Kilometer den Highway 16 entlang bis zum Anfang der Yellich Road getragen hatten, abgestellt, Pappschilder mit der Aufschrift „Erobert den Highway zurück“ und „Killer auf freiem Fuß!“ Schweigend beobachteten sie Matilda, wie sie gesenkten Hauptes dastand, während Autos, Lastwagen und Sattelschlepper vorbeidröhnten. Matildas ältestes Kind, Brenda, hielt eine Hand auf dem Rücken, während der Rauch von schwelendem Sweet Grass, Salbei und anderer traditioneller Medizin sich über ihr Gesicht legte und dann weiter westwärts Richtung Pazifik wehte. Schließlich hob Matilda den Blick und erklärte mit müden, tränenfeuchten Augen, dass sie sich glücklich schätzen könne, glücklich, dass die Ungewissheit ein Ende habe.
Sie wusste nun, dass ihr jüngstes Kind nie wieder nach Hause kommen würde.

Ramona Lisa Wilson kam im Bezirkskrankenhaus von Bulkley Valley in Smithers, British Columbia, auf die Welt. Die Stadt mit etwa 5.000 Einwohnern liegt auf halbem Weg zwischen Prince George und Prince Rupert. Es war ein trüber, kalter Wintertag; Nebel hüllte das weite Tal ein, in dem die Stadt liegt. Noch trostloser war das Krankenhaus, ein Betonklotz auf einer sanften Anhöhe zwischen dem Geschäftsviertel in der Innenstadt und dem Bulkley River. Aber Ramona war wie ein strahlendes Licht, noch bevor sie am 15. Februar 1978 auf die Welt kam.
Nachdem Matilda sieben Jahre zuvor ihr fünftes Kind zur Welt gebracht hatte, sagten die Ärzte ihr, sie könne nie wieder ein weiteres Kind bekommen. Das war eine Enttäuschung für Matildas Älteste, Brenda, gewesen, die sich als einziges Mädchen in der Familie verzweifelt eine kleine Schwester wünschte. Aber Matilda akzeptierte es. Im Sommer 1977 jedoch, als sie zum Arzt ging, weil sie dachte, sie hätte sich eine Grippe eingefangen, erfuhr sie, dass sie im zweiten Monat schwanger war. Matilda war fassungslos. „Vielleicht ist es ein Geschenk“, sagte sie zu Ramonas ebenso überraschtem Vater. Brenda sagte sie, sie solle für die kleine Schwester, die sie sich immer gewünscht hatte, beten.

Am 14. Februar 1978 setzten die ersten Wehen ein und Matilda lächelte bei dem Gedanken, dass ihr Baby am Valentinstag zur Welt kommen würde, doch es sollte noch bis fünf Uhr am nächsten Morgen dauern, bevor Matilda ins Krankenhaus fahren musste. Kurz darauf wurde Ramona geboren. Als die Krankenschwestern Matilda ihr Neugeborenes überreichten, streichelte sie ihr welliges Haar, küsste die winzigen Finger und die winzige Nase ihres Babys und bewunderte ihre Augen, die so hell waren, dass sie fast blau schienen, obwohl sie bald eine haselnussbraune Farbe annahmen. Matilda sagte zu Ramonas Vater: „Du solltest besser Brenda informieren. Geh ans Telefon und sag ihr, dass sie nun eine kleine Schwester hat.“ Es dauerte nicht lange, da stürzte schon die ganze Familie ins Zimmer, vorneweg Brenda.

Zu Hause kümmerte sich die Familie abwechselnd um Ramona, nahm sie in den Arm, fütterte und hegte sie. Mit Ramonas Ankunft veränderte sich das Leben im Haus, es wurde lauter und fröhlicher. Jedes Jahr an ihrem Geburtstag wurde eine große Party gefeiert. Während sie heranwuchs, vergötterten ihre Brüder sie, trugen sie, wohin sie wollte, und behandelten sie wie eine kleine Prinzessin. Brenda war inzwischen ausgezogen und dabei, ihre eigene Familie zu gründen. So waren es ihre Brüder, die Ramona zu ihren Partys mitnahmen und sich sogar die Haare von ihr schneiden ließen. Ramona war ein Wirbelwind. „Pass auf deinen Kopf auf!“, rief sie, bevor ihr Fuß am Ohr eines ihrer Brüder vorbeischnellte, als sie ihre Beweglichkeit unter Beweis stellen wollte. Sie hatte den ganzen Tag ein Lied auf den Lippen und sang es mit einer lieblichen, trällernden Stimme. Ausgelassenheit, Freude und Lachen folgten ihr auf Schritt und Tritt.

Jessica McDiarmid

Jessica McDiarmid ist eine kanadische Journalistin, die hauptsächlich in Nordamerika und Afrika gearbeitet hat.  Ihre Reportagen wurden bereits in unzähligen Magazinen und Zeitungen veröffentlicht. Zudem engagiert sie sich in der Organisation “Journalists for Human Rights” und setzt sich dort für Menschenrechte ein. McDiarmid wuchs tatsächlich in der Umgebung des “Highway of Tears” auf und weiß, wovon sie schreibt. Derzeit lebt sie in British Columbia. Dies ist ihr erstes Buch.

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